Dieser ewig lange Text gehört zu meiner ersten richtigen Ausstellung:
"Loveletter To Myself"
Jeder der schonmal ein echtes Gespräch mit mir geführt hat weiss, dass ich mich nicht scheue darüber zu sprechen was mich beschäftigt.. und wenn man ehrlich zu mir ist bin ich ehrlich zu dir. Aber bei deisem Text war das anders.
Normalerweise war ich immer der zuhörende Part und habe ab und an ein paar Tipps gegeben. Jetzt muss ich aber mal zugeben, dass ich scheiße gebaut habe und dazu stehen.
Das erste mal seit langem ohne das ich Anerkennung will. Aber ich will ehrlich zu mir selbst sein.. und das schlimmste was ich mir dabei vorstellen konnte war... einfach meine Geschichte zu erzählen.
Es war lange her, dass ich wieder bei einem Abendessen unserer Freundesgruppe dabei war – und bis zum Schluss blieb.
Das hatte aufgehört, als es mir Stück für Stück schlechter ging und ich mich immer weiter zurückzog.
In dieser Zeit stieß ich alle Menschen in meinem Leben von mir weg.
Nicht aus böser Absicht.
Aus Angst, Scham und Überforderung.
Die letzten Wochen war ich in einer psychiatrischen Klinik und lebte mich gerade wieder ein.
In mir war eine Mischung aus Überforderung, Trauer und Schuldgefühlen.
„Aber was davon ist dein wirkliches Ich? Der glückliche Mensch, den du gerade so glorifizierst, oder der melancholische, depressive, der in Absoluten denkt und sich selbst verliert?“
Das war die Frage, die mich zum Nachdenken brachte.
Jeder Mensch würde vermutlich sagen, dass man glücklich sein sollte. Aber manchmal kommt man an einen Punkt, an dem Muster aktiviert werden, von denen man längst vergessen hatte, dass sie überhaupt existieren.
Genau in so eine Schleife war ich geraten.
Ich musste kämpfen
Mein ganzes Leben dachte ich, ich muss kämpfen.
Immer in dem Glauben, dass mein Wert davon abhängt, was andere Menschen in mir sehen und was sie von mir halten.
Berlin
Mit sechzehn floh ich aus dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen war, nach Berlin.
Im Gepäck viele Päckchen einer turbulenten Kindheit und Jugend:
- Dass ich nicht gut genug bin.
- Dass ich nichts wert bin.
- Dass ich mich unterordnen muss.
- Dass es am besten ist, wenn ich einfach nichts sage.
- Dass andere besser wissen, was richtig für mich ist.
- Dass ich mir meinen Platz erst verdienen muss.
Diese Muster wurden irgendwann zu meinem Betriebssystem.
Nicht nur, weil ich eine Ausbildung zum Programmierer angefangen hatte. (höhö)
Ich vermied Konflikte. Passte mich an. Versuchte, bloß niemanden zu verärgern.
Und wenn du so bist wie du bist, verärgerst du irgendwann alle anderen.
Irgendwann hörte ich auf, auf Menschen zuzugehen.
Ich schottete mich ab und konzentrierte mich auf die Arbeit.
Man ordnet sich irgendeinem Menschen unter, der einem sagt, was zu tun ist, erledigt seine Aufgaben und kommt abends erschöpft nach Hause.
Dafür bekommt man Geld.
Und manchmal erzählt man sich sogar, dass das Leben so sein muss.
Heute halte ich das für einen riesigen Schwachsinn.
Denn vieles, was wir als alternativlos betrachten, sind am Ende Entscheidungen.
Damals fiel ich in ein tiefes Loch aus Arbeit und Dunkelheit.
Ich ging kaum noch raus.
Während andere mit Anfang zwanzig feiern gingen, Spaß hatten und dumme Fehler machten, aus denen sie lernen konnten, war ich zu Hause.
Ich arbeitete nachts und schlief tagsüber, um niemandem begegnen zu müssen.
Ich nahm viel Gewicht zu.
Mein Selbstwertgefühl wurde noch schlechter.
Und deshalb arbeitete ich noch mehr.
Paderborn
Rückblickend ist das fast absurd.
Je weniger ich mich selbst mochte, desto stärker versuchte ich, meinen Wert über Leistung zu beweisen.
Mein Selbstwert hing vollständig an meiner Arbeit.
„Keine Kritik ist Lob genug.“
Für mich bedeutete das:
Du musst mehr machen.
Du musst besser werden.
Du musst härter arbeiten.
Ich hatte keine Familie, keine Kinder und keine Verantwortung für andere Menschen.
Von der Verantwortung mir selbst gegenüber hielt ich nicht viel.
Ich hatte das Gefühl, Berlin würde mich krank machen.
Also floh ich von Berlin zu meinem ersten Arbeitsplatz nach Paderborn.
Weg von dem Loch, in dem ich lebte.
Dort kannte ich außer meinen neuen Kollegen niemanden.
Wir weihten gemeinsam meine Wohnung ein und ich dachte:
Das ist es.
Hier gehöre ich hin.
Das sind meine Freunde.
Wir arbeiteten zusammen und verbrachten sogar unsere Freizeit miteinander.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich gewollt und wertgeschätzt.
Doch keine vier Monate später saß ich vor meinen Vorgesetzten und hörte, dass ich hinter meinen Zielen lag.
„Wenn das so weitergeht, wirst du hier nicht mehr lange arbeiten.“
Dieser Satz traf mich mit voller Wucht.
Es ging nie nur um einen Job.
In meinem Kopf bedeutete dieser Satz etwas völlig anderes:
Du bist nicht gut genug.
Du enttäuschst alle.
Deine Familie hatte recht.
Genau dort sprang das alte Muster wieder an.
Ich wollte diesen Job nicht verlieren. Ich wollte dazugehören.
Also begann ich noch härter zu arbeiten.
Ich blieb bis spät abends im Büro. Lernte in meiner Freizeit. Arbeitete an Wochenenden.
Zuerst fünfzig Stunden. Dann sechzig. Und immer weiter.
Jede Überstunde war der Versuch, mir meinen Platz zu verdienen.
Nebenbei zog ich innerhalb von Paderborn um. In eine tolle Wohnung.
Damals wollte ich immer ein Penthouse – so wie mein Chef.
Ich dachte, wenn ich so weitermache, verdiene ich irgendwann genug Geld, um mir das leisten zu können.
Aber mein Kopf wurde immer lauter. Immer getriebener.
Ich versuchte, mich mitzuteilen.
Doch immer, wenn ich sagte, dass es mir nicht gut ging und ich meinen Kopf nicht unter Kontrolle bekam, lautete die Antwort:
„Lenk dich ab. Mir hilft Arbeit immer.“
Und weil Arbeit das Einzige war, worin ich meinen Wert erkannte, glaubte ich das.
Corona
Dann ging Corona los.
Für viele Menschen war das schwierig.
Für mich fühlte es sich zunächst wie eine Erleichterung an.
Ich musste niemanden sehen. Musste und konnte nirgendwo hin.
Ich musste mich nicht erklären, warum ich müde aussah.
Ich arbeitete von zu Hause und zog mich immer weiter zurück.
Rückblickend war das der Moment, in dem ich begann, mich selbst aufzugeben.
Die Panikattacken
Dann kamen die Panikattacken.
Am Anfang wusste ich nicht einmal, was mit mir passierte.
Da war nur diese überwältigende Angst.
Eine Angst ohne konkreten Auslöser.
Mein Herz raste. Mein Kopf drehte durch. Mein Körper fühlte sich an, als würde er gegen mich arbeiten.
Ich konnte mich nicht mehr bewegen und war nur noch am Zittern.
Irgendwann machten mir diese Panikattacken so viel Angst, dass ein Gedanke auftauchte, der mir noch mehr Angst machte:
Vielleicht wäre es leichter,
wenn ich einfach nicht mehr da wäre.
Dann würde das alles aufhören.
Und genau dieser Gedanke machte alles nur schlimmer.
Die Angst vor der Angst wurde größer als die Angst selbst.
Ein neuer Anfang
Irgendwann entschied ich mich, die Firma zu verlassen.
Nicht aus Mut.
Nicht, weil ich ein Muster verstanden hatte.
Sondern, weil mein Lieblingskollege kündigte.
Zum Glück suchte die Firma, bei der er anfangen wollte, gleich zwei neue Mitarbeiter.
Corona machte den Wechsel einfacher.
Die Firma saß in Mannheim.
Ich hatte keine Ahnung, wo Mannheim liegt.
Aber das spielte keine Rolle.
Ich musste ohnehin nicht ins Büro.
Wir waren die ersten Full-Remote-Mitarbeiter im Unternehmen.
Die ersten Monate existierten wir gefühlt nur auf dem Papier.
Niemand außerhalb unseres Projektes wusste wirklich, wer wir waren.
Das erste Mal waren wir für eine kostenlose Corona-Impfung in Mannheim.
„Was für eine hässliche Stadt.“
Das war mein erster Gedanke.
Aber schon nach ein paar Stunden fand ich sie toll.
So viel Diversität.
Wir saßen am Hafen zum Essen oder in einem Café, das es heute leider nicht mehr gibt.
Als wir später zum Treffpunkt kamen und das Büro der Agentur betraten, begrüßte uns der Geschäftsführer.
„Wer seid ihr denn?
Seid ihr neu?“
Wir schauten uns an.
Wir waren bereits seit sechs Monaten dort.
Nach der Impfung ging es wieder nach Hause.
Doch die Muster reisen mit.
Egal, in welche Stadt man geht.
Egal, bei welcher Firma man anfängt.
Egal, wie weit man vor sich selbst davonläuft.
Der Burnout kehrt zurück
Irgendwann kamen die ersten Anzeichen des Burnouts zurück.
Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren.
Wurde von allem abgelenkt.
Verlor mich in Kleinigkeiten.
Und schaffte es immer seltener, wirklich zu arbeiten.
In dieser Zeit tranken wir viel.
Wir kifften viel.
Es war einfacher, als mich mit dem auseinanderzusetzen, was eigentlich in mir vorging.
Die Panikattacken kamen jetzt immer häufiger.
Am Ende sitzt man eben allein in seiner Wohnung.
Und irgendwann kommen die Dinge hoch, vor denen man sich die ganze Zeit abgelenkt hat.
Meine Arbeit wurde schlechter.
Ich verpasste Fristen.
Ich wurde langsamer.
Ich zerstörte das Vertrauen, das ich mir aufgebaut hatte.
Bei Kollegen.
Bei Projektmanagern.
Und schließlich bei den Geschäftsführern.
Ich musste Aufgaben mehrfach neu machen, bevor sie überhaupt akzeptabel waren.
Zum ersten Mal funktionierte meine Strategie nicht mehr.
Härter arbeiten brachte keine Lösung.
Mehr Einsatz brachte nur mehr Probleme.
Und es wurde von Tag zu Tag schlimmer.
Zum ersten Mal ehrlich
Also tat ich das Einzige, was ich noch tun konnte – und wovor ich mich am meisten fürchtete:
Ich sprach offen darüber.
Ich sagte, dass es mir nicht gut ging.
Dass ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte.
Dass ich Panikattacken hatte.
Dass ich nicht gekündigt werden wollte, aber dass sich etwas ändern musste.
Und zum Glück sprach ich mit einem Menschen, der mich ernst nahm.
Der meine Situation nicht sofort verstand, aber zuhörte.
Er gab mir eine Chance.
Eine Chance, die ich nach den letzten Monaten zumindest selbst nicht mehr erwartet hatte.
Dafür werde ich ihm immer dankbar sein.
Ich durfte in eine Managementrolle wechseln.
Gleichzeitig machte er mir klar, dass das keine Garantie war.
Wenn es nicht funktioniert, musst du wieder zurück.
In diesem Gespräch sagte ich einen Satz, der rückblickend viel über mich verriet:
„Ich werde beweisen, dass ich das kann.
Und wenn nicht, kündige ich selbst.“
Damals hielt ich das für Entschlossenheit.
Heute erkenne ich darin etwas anderes.
Ich gab mir selbst einen letzten Versuch.
Wieder glaubte ich, meinen Wert beweisen zu müssen.
Wieder begann der Kampf.
Ein neuer Versuch
Mein Kopf kannte diesen Weg bereits.
Und er funktionierte wieder.
Wie so oft schien er zunächst die richtige Lösung zu sein.
Nach einer Woche voller YouTube-Videos, interner Prozesse und Selbststudium kam das erste Projekt.
Dann das zweite.
Später betreute ich meinen ersten Großkunden allein.
Ein sechsstelliges Budget.
Und ich war gut.
Ich hatte mir das Vertrauen wieder erarbeitet und bekam freie Hand.
Von außen sah alles hervorragend aus.
Von innen begann ich langsam wieder zu kämpfen.
Dieses Mal aber für mich.
Ein neuer Ort
Ich traf eine Entscheidung, die mein Leben verändern sollte.
Ich zog nach Mannheim.
Genauer gesagt in ein kleines Dorf in der Nähe.
Ich wollte wieder zurück aufs Land.
Ich dachte, dass mir das Ruhe geben würde.
Als ich das erste Mal dort war, fühlte es sich an wie Urlaub.
Kleine Gassen überall.
Die Wohnung befand sich in einer ehemaligen Schule.
Hohe Decken. Große Fenster, die den Raum mit Licht fluteten.
In der Mitte ein riesiger Stahlträger.
Ich war sofort verliebt.
Nicht nur in die Wohnung.
Auch in die Vorstellung davon, wer ich dort werden könnte.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, eine Entscheidung getroffen zu haben, die mir wirklich guttat.
Aber ich war wieder geflohen.
Und meine Muster waren mit mir gekommen.
Wieder kreativ sein
Ich war immer ein kreatives Kind.
Ich malte und bastelte für mein Leben gerne.
Man gab mir einen Karton und ich war für Stunden beschäftigt.
Ich bastelte Schwerter, Burgen und ganze Welten.
Alles, um aus meinem Leben herauszukommen und jemand anderes zu sein.
Diese Liebe verlor ich in der weiterführenden Schule.
Weil es angeblich „schwul“ sei, als Junge kreativ zu sein.
Jetzt wollte ich mich nicht mehr verstecken.
Ich wollte meine Wände füllen.
In Paderborn hatte ich angefangen, Leinwände zu bemalen.
Ohne jemandem davon zu erzählen.
Jetzt war es anders.
Jetzt wollte ich dazu stehen.
Ich stellte meinen Plattenspieler auf.
Sortierte meine Bücher ein.
Begann, mein Leben einzurichten.
Dieser Ort war der erste seit vielen Jahren, an dem ich länger bleiben wollte.
Ich hatte endlich genug Abstand, um mich mit mir selbst zu beschäftigen.
Wer bin ich wirklich?
Warum reiche ich mir selbst nicht aus?
Warum habe ich das Gefühl, mir meinen Platz immer wieder verdienen zu müssen?
Die Therapie
Mit sehr viel Glück fand ich recht schnell eine Therapeutin in der Nähe.
Zum ersten Mal sprach ich mit jemandem über all die Dinge, die ich bis dahin nur mit mir selbst ausgemacht hatte.
Dinge, die für mich normal geworden waren.
Langsam wurde etwas sichtbar.
Ich musste darüber sprechen.
Rückblickend konnte ich mich auch auf diesen ersten Therapieversuch nicht vollständig einlassen.
Jede Sitzung lief ähnlich ab.
Ich erzählte von meinem Problem.
Ich wusste meistens ziemlich genau, woher es kam.
Ich hatte schließlich genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken.
Aber meine bisherigen Versuche bestanden nie aus Lösungen.
Sie bestanden aus Ablenkung.
Aus Fluchten.
Ich hatte nie wirklich über die Abgründe gesprochen.
Ich hatte mich nie getraut, den ersten Schritt zu machen:
In Konfrontation mit den Menschen zu gehen, die diese Muster in mir geprägt hatten.
Mein ganzes Leben hatte ich gelernt:
Man ist nur jemand, wenn man leistet.
Wenn andere Menschen einen anerkennen.
Wenn sie gut über einen denken.
Und genau diese Menschen hatte ich gemieden, statt mich ihnen zu stellen.
Ein leichteres Leben
Die Therapie veränderte trotzdem vieles.
Ich richtete mir ein Atelier im Keller ein und verbrachte dort viel Zeit.
Ich malte, um meine Gefühle herauszulassen.
In dieser Zeit entstanden viele nachdenkliche Bilder.
Ich verbrachte viel Zeit draußen.
Saß am Wasser des Neckars und las.
Oder ich war in den umliegenden Wäldern unterwegs und dachte nach.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich mein Leben leicht an.
Nicht perfekt.
Ich glaube nicht, dass es Perfektion für uns Menschen gibt.
Aber es wurde leichter.
Eine Wahlfamilie
Zufällig lernte ich in dieser Zeit auch meine Nachbarn kennen.
Zum ersten Mal wirklich.
In Großstädten kennt man oft niemanden, mit dem man im selben Haus lebt.
Sie wurden zu meiner Wahlfamilie.
Ein Zuhause, das nichts mit Verwandtschaft oder Zwang zu tun hatte.
Sondern mit Vertrauen.
Ehrlichkeit.
Und echter Nähe.
So lebte ich einige Monate.
Und es wurde immer besser.
Zurück zu mir
Ich zog mich so gut es ging aus dem Internet zurück.
Ich verlernte Social Media, die neuesten Trends und all das, was sonst noch ständig um Aufmerksamkeit kämpft.
Ich machte wieder Dinge, die ich wollte.
Dinge, die ich liebte.
Und ich sprach mit Stolz und Freude darüber.
Arbeit war nur noch ein Ort, an dem ich Projekte erledigte, Quatsch mit meinen Kollegen machte, mit Kunden telefonierte und plante.
Sobald ich das Büro verließ, verließen mich auch die Gedanken an die Arbeit.
Sie
Zu dieser Zeit lernte ich einen Menschen kennen.
Sie ist der coolste Mensch, den ich je gesehen habe.
Wir hatten viele gemeinsame Interessen.
Sie war Designstudentin – eines meiner größten Interessen.
Bevor ich nach Berlin ging, hatte ich ein halbes Jahr an einer Grafikschule gelernt.
Sie wurde zu einer riesigen Inspiration.
Sie war jemand, der mich sah.
Der mir zuhörte.
Und dem ich zuhören konnte.
Ohne Vorurteile.
Ohne Leistung erbringen zu müssen.
Es fühlte sich an, als könnten wir gar nicht anders, als Zeit miteinander zu verbringen.
Irgendwann redeten wir über alles.
Wir telefonierten immer dann, wenn es möglich war.
Und obwohl wir uns in einer Zeit kennenlernten, die kaum komplizierter hätte sein können, entstand etwas, das sich einfach anfühlte.
Auf Augenhöhe
Ich war glücklich mit meinem Leben.
Ich war gerne allein und konnte es auch.
Aber ich wollte Zeit mit ihr verbringen.
Nicht aus Angst vor dem Alleinsein.
Sondern wegen der Gespräche und des Vertrauens, das wir ineinander hatten.
Es war das erste Mal, dass ich mich auf Augenhöhe mit einem Menschen fühlte.
Für eine Weile glaubte ich, endlich verstanden zu haben, worauf es wirklich ankommt.
Für einen Moment blieb dieses Gefühl:
Vielleicht habe ich diese ganzen Baustellen wirklich verändert.
Vielleicht ist es tatsächlich möglich, aus alten Mustern auszubrechen.
Doch Muster verschwinden nie komplett, nur weil sich das Umfeld verändert.
Sie warten.
Bis Situationen kommen, die sie wieder auslösen.
Die alten Muster kommen zurück
Die Firma, in der ich arbeitete, meldete Insolvenz an.
Und plötzlich war sie wieder da.
Diese alte Angst.
Die Panikattacken.
Die Stimme, die sagt:
Du musst jetzt funktionieren.
Du musst etwas aus dir machen, sonst verlierst du alles, was du jetzt hast.
Gleichzeitig war da aber auch ein anderer Teil in mir.
Ein erster leiser Versuch von Ehrlichkeit.
Ich wollte etwas anderes.
Raus aus der Technik.
Raus aus der Rolle, in der ich zwar gut war, die mich aber nicht erfüllte.
Richtung Design.
Ich hatte den Mut dazu, weil dieser Mensch an meiner Seite war.
Sie unterstützte mich. Sie inspirierte mich.
Aber wie so oft entschied ich mich nicht für einen klaren Bruch.
Sondern für den sichersten Weg.
Der sichere Weg
Ich nahm die nächstbeste Stelle an.
Einen Job, der mir Zeit geben sollte, um neu anzufangen.
Einen Job, bei dem ich eigentlich nicht lange bleiben wollte.
Aber in Wahrheit war es wieder nur ein Kompromiss zwischen Angst und Funktionieren.
Die Firma war weiter entfernt.
Ich arbeitete wieder viel von zu Hause.
Meine Rolle:
Scrum Master.
Ein Job, den ich bis heute nicht wirklich erklären kann.
Oder besser gesagt: der einfachste Weg.
Früher sagte ich immer:
„Einfach ist langweilig.“
Aber ich hielt mich selbst nicht daran.
Wenn Zeit zum Problem wird
Ich hatte Zeit.
Und genau das wurde zum Problem.
Denn dann begann alles wieder von vorne.
Ich ließ vieles fallen.
Mein Atelier.
Meine Routinen.
Dinge, die mir gutgetan hatten.
Ich las nicht mehr wirklich.
Stattdessen hörte ich nur noch Podcasts über Design, um schnell aus dieser Firma herauszukommen und einen Job zu finden, den ich wirklich wollte.
Aus Interesse wurde Zwang.
Meine Partnerin und ich wollten zu Hause eigentlich nicht über die Arbeit reden.
Irgendwann ignorierte ich das.
Aus Neugier für ein Thema wurde Vergleich.
Aus Freude wurde Druck.
Der Wunsch dazuzugehören
Ich wollte unbedingt dazugehören.
Das Imposter-Syndrom traf mich mit voller Wucht.
Ich wollte Teil einer Welt werden, in der Menschen starke Meinungen hatten und sich selbst sehr ernst nahmen.
Und ich begann, mich daran anzupassen.
Der Mensch, mit dem ich zusammenlebte, bekam alles davon ab.
Ich sammelte zu dieser Zeit Merch von meinen Lieblingsbands, Erinnerungen an Konzerte, Platten meiner Lieblingsalben und Bücherreihen, die mir Freude machten und die ich unzählige Male gelesen hatte.
Irgendwann war aber so viel in meinem Kopf, dass ich den Minimalismus kennenlernte.
Eigentlich hatte ich nie besonders viel unnötiges Zeug.
Ich lebte also bereits nach diesem Prinzip.
Aber dann lernte ich eine neue Stufe kennen:
Leere Räume.
Menschen mit nur fünfzig Gegenständen.
Weniger Besitz, weniger Gedanken.
Viele erzählten, dass dadurch ihr Kopf leiser wurde.
Und dann begann ich.
Alles fiel diesem Drang zum Opfer.
Mein Band-Merch.
Meine Bücher.
Mein Leben.
Mein Charakter.
Ich dachte, mein Kopf würde leiser werden, wenn ich weniger Dinge hätte, die „nur herumliegen“.
Immer weiter weg
Sie versuchte, mit mir zu reden.
Wieder und wieder.
Aber ich war kaum noch erreichbar.
Ich sprach nur noch über die Arbeit.
Über Minimalismus.
Über Fortschritt.
Sie war inzwischen fertig mit ihrem Studium und wurde zu meiner Droge.
Nicht sie als Mensch.
Sondern ihre Meinung. Ihr Wissen.
Ich redete nicht mehr darüber, wie es mir ging.
Was ich dachte.
Was ich wirklich wollte.
Ich hörte nicht mehr zu.
Es gab nur noch diesen einen Weg.
Ich suchte nach Bestätigung.
Nach Orientierung.
Nach einem äußeren Beweis, dass ich richtig lag.
Dass ich dieses Imposter-Syndrom endlich loswerden musste.
Tief in mir wusste ich, dass der Weg ins Design richtig war.
Aber ich wusste nicht, wie ich ihn gehen sollte.
Und genau dort verlor ich den Menschen, der ich war und der ich sein wollte.
Der Raum voller Spiegel
Mein Leben fühlte sich an wie ein Raum voller Spiegel.
Der Spiegel vor mir zeigte mich selbst.
Er war aber leicht durchsichtig.
Ich konnte den Weg sehen, den ich ging.
Immer mit mir im Blick.
In den Spiegeln neben mir waren Menschen, denen ich vertraute.
Menschen, zu denen ich aufsah, wenn ich es wollte.
Dieser Raum war plötzlich voller Nebel.
Ich sah nichts mehr.
Irgendwann wurde diese Bestätigung von außen zur Abhängigkeit.
Ich wollte gefallen.
Aber nicht mir selbst.
Nicht ihr.
Nicht den Menschen, die mir wirklich wichtig waren.
Sondern jedem anderen Designer, dem ich begegnete.
Menschen, die ich nicht kannte.
Menschen, die mich eigentlich nicht definieren sollten.
Die Scham
Gleichzeitig schämte ich mich für meine Arbeiten.
Weil ich nie an das herankam, was ich selbst als „gut“ empfand.
Ich sah nur andere Arbeiten, die mir gefielen, und wollte das ebenfalls können.
Ich machte Dinge, um sagen zu können, dass ich etwas machte.
Aber es fühlte sich nie wirklich nach mir an.
Es war eine Sammlung aus Einflüssen.
Aber nicht meine eigene Stimme.
Selbstständig
Dann machte ich mich selbstständig.
Ich war schon mit zwanzig das erste Mal selbstständig.
Nicht lange.
Aber seitdem hatte ich immer meine kleine Firma und machte gelegentlich kleinere Projekte.
Ich hoffte, dass sich dadurch etwas verändern würde.
Meine Partnerin machte sich ebenfalls mit einem Designstudio selbstständig.
Und ich war ihr größter Fan.
Ich war glücklich, ihr dabei zuzusehen, wie all diese Dinge passierten.
Fotoshootings für die Website.
Neue Projekte.
Ein eigenes Studio.
Ich setzte ihre erste Website um.
Mit viel Stress.
Mit vielen Zusammenbrüchen, weil ich eigentlich dachte, ich könne nicht mehr programmieren.
Aber irgendwie bekam ich sie fertig.
Und es war seit langer Zeit die erste Arbeit, auf die ich wirklich stolz war.
Der Stress und die Zusammenbrüche waren mir egal.
Ich hatte es gerne gemacht. Und würde es immer wieder nochmal so machen!
Eine Rolle spielen
Irgendwann wollte ich das auch wieder.
Diesen Spaß.
Dieses Gefühl, etwas zu erschaffen.
Ich gründete eine Firma mit einer Freundin.
Ebenfalls Designerin.
Dadurch hatte ich plötzlich eine Legitimation.
Einen Grund, warum ich das überhaupt machen durfte.
Nach außen funktionierte diese Rolle sogar.
Ich sprach wie jemand, der wusste, was er tat.
Ich trat auf wie jemand, der sicher war.
Aber zu Hause war ich erschöpft.
Leer.
Abhängig von Feedback.
Während ich gleichzeitig versuchte, eine Version von mir aufrechtzuerhalten, die es so gar nicht gab.
Der Rückzug
Irgendwann hielt ich es selbst nicht mehr aus.
Ich begann, mich wieder zurückzuziehen.
Aus Scham.
Ich sah meine Freunde kaum noch.
Ich verpasste Geburtstage.
Ich sagte zu und sagte kurz vorher wieder ab.
Weil ich nicht mehr konnte.
Ich war ein furchtbarer Partner zu dieser Zeit.
-
Ich habe aufgehört, mich mitzuteilen. Wenn sie mich fragte, wie mein Tag war, kam als Antwort nur:
Ja, war okay.
- Dann habe ich immer detailliert von meiner Arbeit erzählt und, joar … eigentlich wollte ich nur hören, wie toll das alles ist.
- Wer mich kennt, weiß, wie wichtig mir offene Gespräche sind und wie ich an Gespräche herangehe, die mir wichtig sind. Ja … davon war nichts mehr übrig. Sie musste aufpassen, was sie sagt. Sonst war ich genervt.
- Irgendwann entstand so ein Gefühl von Konkurrenz, weil wir das Gleiche gemacht haben. Ich hatte ein komisches Gefühl, wenn sie mit ihrer Firma auf tollen Events war. Und ich glaube – ich kann ja nicht in ihren Kopf schauen –, sie hatte ähnliche Gefühle, wenn ich von meinen tollen Angeboten erzählt habe.
- Wenn sie mich brauchte, war ich körperlich da. Aber zuhören konnte ich nicht mehr. Ich war mit dem Kopf immer irgendwo anders. Meistens bei der Arbeit.
- Ich habe aufgehört, nach draußen zu gehen. Zum Spazierengehen musste ich regelrecht gezwungen werden. (Wer mich kennt, weiß, dass ich die meiste Zeit spazieren bin und es liebe, draußen zu sein.) Ich habe aufgehört vorzuschlagen, in die Kunsthalle zu gehen, ins Theater, in die Oper oder einfach mal ins Restaurant. Also … abgesehen von KFC. Das war's für mich.
- Ach … wo wir gerade dabei sind: Kochen. Joar. Ich habe für mich „gekocht“, aber sie dabei überhaupt nicht mit einbezogen.
- Wenn wir zusammen auf Events waren, kam es nicht selten vor – vielleicht sogar immer, ich erinnere mich nur schwer –, dass wir nach einer Stunde, maximal zwei, wieder gegangen sind, weil ich so schlechte Laune hatte. Retrospektiv betrachtet waren das wahrscheinlich richtig tolle Partys.
- Von Rom will ich gar nicht anfangen. Stellt euch einfach vor, wie es ist, mit einem pubertierenden 13-Jährigen durch eine Stadt zu laufen, in der es an jeder Ecke etwas zu entdecken gibt. Ich saß die meiste Zeit am iPad und habe YouTube geschaut. (Dabei wollte ich nach Rom. Ich wollte nach Rom, seit ich Kunst liebe und mich selbst Künstler nenne.)
-
Zu der Zeit war mein Selbstwertgefühl so weit im Keller, dass ich in Rom einen kompletten Zusammenbruch
hatte. Da fielen Sätze wie:
„Ich bin eh nicht gut für dich. Du findest einen viel Besseren als mich. Ich bin so leicht austauschbar.“
Die Version, die ich damals war … ja, die war austauschbar. Aber ich? Ich bin nicht so leicht austauschbar. Ich bin echt ein dufter Typ.Ich meine … ich habe immer einen guten Fun Fact auf Lager.
Kleiner Fun Fact zu Rom beziehungsweise zur katholischen Kirche: Die liturgischen Gewänder werden unter anderem von homosexuellen römischen Designern gefertigt. Was ja eigentlich nicht so richtig ins Weltbild der Kirche passt. Obwohl dort irgendwie auch alle auf Jungs stehen. Vielleicht liegt's aber daran, dass es verschiedene Altersstufen sind. I don't know!
-
Auf dem Geburtstag ihrer besten Freundin habe ich es geschafft, mein altes Ich als Maske zu tragen.
Ich zitiere mal einen Kommentar, der mir später zugetragen wurde:
„'Nen tollen Fang hast du mit Luca gemacht.“
Ich weiß bis heute nicht, wer das gesagt hat, aber Grüße gehen raus. Du musstest mit diesemtollen Fang
ja nicht wieder nach Hause.
Ein furchtbarer Freund.
-
Jeden Donnerstag haben wir zusammen gegessen. Irgendwann bin ich einfach nicht mehr mitgekommen, weil
es mir nicht gut ging
. Das bedeutete: Ich lag auf der Couch und habe YouTube geschaut. - Wenn wir auf Partys waren, kam irgendwann der Punkt, an dem ich nur noch auf mein Handy geschaut habe. Ich habe weder getanzt noch mich mit irgendjemandem unterhalten.
-
Irgendwann bin ich gar nicht mehr zu Geburtstagsfeiern gekommen. Oder ich habe abgesagt, als wir gerade
die Wohnung verlassen wollten. Ich habe einfach gesagt:
Ich komme nicht mit.
Punkt. Keine Diskussion möglich. - Und wenn ich doch mal da war, dann nur körperlich. Ich konnte keine vernünftigen Gespräche mehr führen.
- Wenn jemand zu mir kam, um mit mir über ein Problem oder etwas aus seinem Leben zu sprechen, habe ich nicht mehr zugehört. Ein Familienmitglied war krank. Und ich? Ich habe Lösungen geliefert, statt einfach zuzuhören und da zu sein. Fünf Minuten später war das Thema wieder aus meinem Kopf verschwunden.
- Selbst als wir uns die Orte angeschaut haben, aus denen wir kommen – einfach weil es schön ist zu sehen, wo die Freunde aufgewachsen sind und das irgendwie unser Ding war –, war ich nicht dabei. Ich lag zu Hause. Unser Gruppenbild stammt von diesem letzten Ausflug. Ich bin nicht darauf. Weil ich zu Hause geblieben bin.
Und ein furchtbarer Gründer.
- Ich habe irgendwann alles allein gemacht. Ohne Rücksprache mit meiner Geschäftspartnerin, obwohl es zur Hälfte ihr Unternehmen war.
-
Selbst als sie zu mir kam – ich hatte mal wieder die Website geändert, war ja schließlich schon ganze
zwei Wochen her, seit ich das letzte Mal alles umgeworfen hatte – und sagte, dass sie sich darin nicht
mehr repräsentiert fühlt, weil inzwischen alles nur noch nach
mir
aussieht (wobeinach mir
eigentlich bedeutete, dass ich irgendwo im Internet ein Layout gesehen und kopiert hatte), habe ich die Änderungen zwar rückgängig gemacht. Innerlich war ich aber einfach nur genervt.
Aber das Schlimmste, was wieder entstanden ist, sind diese paranoiden Gedanken: Dass mich jeder anlügt, wenn man mir etwas sagt.
Dass man Dinge nur sagt, um mich nicht zu verletzen, und dann am Ende doch genau das Gegenteil tut. Das ist, würde ich sagen, das
schlimmste Muster, das es in meinem Kopf gibt. Es wieder loszuwerden wird wahrscheinlich am schwersten sein. Denn genau das kann
sehr schnell zu einer schlimmen Abwärtsspirale führen.
Als alles zusammenbrach
Irgendwann kam der Moment, in dem alles implodieren musste.
Ich hatte meine Freunde lange nicht gesehen.
Und wenn ich sie sah, lenkte ich mich mit meinem Handy ab.
Der Mensch, der mir so wichtig war.
Für den ich alles getan hätte.
Den ich aber gleichzeitig behandelte wie einen Mitbewohner.
Den ich für meine eigene Bestätigung benutzt hatte.
Irgendwann musste dieser Mensch gehen.
Im ersten Moment wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte.
Ich reagierte wie jemand, dem man seine Droge wegnimmt.
Mit Angst.
Mit Schmerz.
Mit Unverständnis.
Aber irgendwann verstand ich, dass diese Entscheidung richtig war.
Sie musste gehen.
Ich war lange nicht mehr der Mensch, den sie kennengelernt hatte.
Nicht mehr der Mensch, in den sie sich verliebt hatte.
Und sie hatte lange versucht, etwas zu retten.
Lange gehofft.
Ich war auch nicht mehr der Mensch, den ich selbst liebte.
Irgendwann erkennt man diese Hülle nicht mehr als Ausnahme, sondern als endgültig.
Ich hatte mich selbst wieder aufgegeben.
Und wenn ich nicht an mich glaube, wie sollen es andere Menschen tun?
Dafür schämte ich mich.
Ich hatte Schuldgefühle.
Und wenn man diesen Punkt erreicht, kann niemand anderes einen dort herausholen.
Aus:
„Ich brauche dich nicht, aber ich will dich bei mir haben.“
wurde:
„Es ist nur eine Entscheidung. Bist du sicher, dass du gehen willst?“
Und genau das war für mich das Unangenehmste. Weil man nicht um Menschen kämpft die nicht wollen, dass man um sie kämpft
Ich erkannte mich selbst nicht mehr wieder.
Der Weg in die Klinik
Aber manchmal kommen Menschen in dein Leben, die etwas verschieben.
Und wenn sie sich entscheiden zu gehen, sieht man plötzlich wieder klarer.
Man merkt, wie wichtig dieser Mensch wirklich ist.
Sie hatte etwas in mir ausgelöst.
Nicht in der Hülle, die die letzten zwei Jahre da gewesen war.
Sondern in dem Menschen, der mit ihr diese Gespräche geführt hatte.
Der draußen am Wasser saß und stundenlang einfach zuhören konnte.
Ohne jemandem seine Meinung aufzwingen zu müssen.
Jetzt war da etwas, das ich nicht mehr ignorieren konnte.
Zum ersten Mal war da nicht nur Schmerz.
Sondern auch eine Entscheidung.
Ich konnte so nicht mehr weitermachen.
Ich wollte weg.
Irgendwohin.
In irgendein Kaff, das mit „Bad …“ anfängt.
In Kur.
Mit alten Damen Wassergymnastik machen.
Einfach raus aus allem.
Am Ende landete ich nicht in einer Kur.
Sondern in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik.
Einerseits, weil ich Abstand brauchte.
Andererseits, weil jetzt die Gefühle der letzten zwei Jahre auf mich einregneten.
Ich wechselte recht schnell auf die offene Station.
Zum Glück.
Dann war ich vier Wochen in einer anderen Welt.
Abgeschnitten von allem, was vertraut war.
Kein Rückzug in Arbeit.
Keine Ablenkung.
Die Verantwortung
Am Anfang war da vor allem ein Gefühl:
Jung, da hast du wirklich Scheiße gebaut.
Und du musst jetzt die Verantwortung übernehmen.
Zum ersten Mal ging es nicht darum, besser zu funktionieren.
Nicht darum, wieder produktiver zu werden.
Sondern darum, überhaupt ehrlich zu mir selbst zu sein.
Die wichtigste Erkenntnis kam nicht plötzlich.
Sie entstand wieder aus Gesprächen.
Aus Momenten, in denen ich verstanden habe:
Jetzt ist der Moment, wirklich an den Kern zu gehen.
Während dieser Zeit verschob sich etwas.
Mein Fokus war wieder bei mir.
Zum ersten Mal traf ich Entscheidungen, obwohl die Angst noch da war.
Zurück ins Leben
Als ich die Klinik verließ, war ich erschöpft.
Es war anstrengend.
Ich hatte begonnen, den Kern meiner Probleme anzugehen.
Ich kontaktierte meine Eltern.
Ich stand zum ersten Mal wirklich für mich ein.
Ich war nicht mehr alleine.
Ich ging zu den Menschen, die ich verletzt hatte.
Ich entschuldigte mich.
Und ich zeigte, dass ich da bin.
Raum geben
Dieser eine Mensch, der mit mir zusammengelebt hatte, brauchte jetzt aber Raum.
Raum zum Heilen. Raum von deiser Hülle die die letzen Jahre da war
Und ich musste diese unabhängigkeit wieder finden. Die, die ich verloren hatte.
Natürlich war da Angst.
Die Angst, ob ich alles wieder geradebiegen kann.
Ob Vertrauen zurückkommen kann.
Ob manche Dinge überhaupt reparierbar sind.
Aber etwas hatte sich verändert.
Ich bin nicht mehr bereit, mein Leben von dieser Angst steuern zu lassen.
Der Punkt ist nicht, alles ungeschehen zu machen.
Das kann ich nicht.
Der Punkt ist, dass ich nicht entscheiden kann, ob ein anderer Mensch mir vergibt.
Ob jemand mir noch einmal vertraut.
Ich kann nur warten und vertrauen. weil mir diese Menschen, die ich verletzt habe wichtig sind.. und weil ich sie liebe.
Und mich wieder auf mich fokussieren.
Damit sowas nicht wieder passiert. Weil ich das auch nicht will... das fühlt sich scheiße an. Nicht nur bei mir..
Und wenn mir jemand wieder Vertrauen schenkt, kann ich beweisen, dass sich etwas verändert hat.
Wer bin ich wirklich?
Die Frage, die am Anfang stand, bekam mit der Zeit eine andere Bedeutung.
„Was davon ist dein wirkliches Ich?“
Der Glückliche?
Oder der Melancholische?
Die Antwort ist heute keine Entscheidung zwischen zwei Zuständen mehr.
Beides gehört zu mir.
Und beides sagt nichts darüber aus, ob ich wertvoll bin oder nicht.
Ich bin nicht der, der funktioniert.
Und ich bin auch nicht der, der zerbricht.
Ich bin der, der lernen will, beides auszuhalten.
Ohne mich dafür zu bestrafen.
Ohne mich wieder komplett zu verschließen.
Ein anderes Leben
Der Wendepunkt war die Erkenntnis, dass ich meinen Wert nie verdienen musste.
Menschen entscheiden sich dafür, bei mir zu sein, weil ich gut genug bin.
Solange ich auch gut genug für mich selbst bin.
Ich muss nicht von allen Menschen gemocht werden.
So wie ich auch nicht alle Menschen mag.
Ich habe lange geglaubt, ich müsse kämpfen.
Heute weiß ich:
Ich muss nicht kämpfen, um jemand zu sein.
Ich bin jemand. Ich bin tief in mir drinne dieser Mensch mit dem goldenen Herzen. Worauf ich stolz bin!
Und hier und heute beginnt ein anderes Leben.
Eines, in dem Leistung nicht mehr die Voraussetzung ist, um geliebt zu werden.
Sondern nur noch etwas, das man tut, weil man es aus Liebe tut.
Nicht, um zu beweisen, dass man existiert.
Sondern weil man bereits da ist.
was ist der ist zustand
Die Phase in der ich heute bin ist sehr vieles. Aufregend, schön und in einer Art neu.
Es ist aber auch beängstigend, stressig und überfordernd.
Es hat sich viel getan. Ich hole alles auf was ich bei mir hab schleifen lassen.
Ich habe 8.000EUR Schulden angehäuft.. von dem ich niemandem etwas gesagt habe. Weil ich es nicht mitbekommen habe. Wo ich jetzt erstmal sehen darf wo das her kommt und was ich tun kann.
Meine Wochen bestehen aus dem springen zwischen zwei Jobs. Dazu noch Termine ausmachen bei 4 verschiedenen Ärzten. Vom Hausarzt wegen Medikamenten, über den Zahnarzt (reden wir net drüber...), meiner Therapheutin und zwei Psychologen bzgl. meiner ADHS Diagnose und Behandlung. Da bleibt nicht viel Zeit für Unternehmungen. Ich versuche aber trotzdem so viel Zeit wie möglich mit Mensch zu verbringen die mir wichtig sind.
Dazu kommt noch ein Umzug der geplant werden muss. Weil die Wohnung in der ich sitze mich einfach einengt und in einer Form kaputt macht die nicht förderlich ist.
Dazu ist noch ein letztes Gespräch offen.. vor dem ich etwas Angst habe aber was mir wichtig ist. Vielleicht auch am wichtigsten wenn ich ganz ehrlich bin.
Danke
Manchmal versteht man Gedanken und Theorien, ist aber noch nicht bereit, sie vollständig für sich anzunehmen.
Aber ich weiß, dass mir dieser Mensch wichtig ist. Das die Verbindung die wir hatten echt war. Das die Ebene die wir hatten gut tat und das leichitgkeit da war. Aber das ich mich zurücknehmen muss und Raum geben muss.
Ich weiß aber auch, dass ich all das erleben musste, um Dinge zu verstehen und um endlich wirklich was zu verändern.
Sie hat mich wieder inspiriert.
Wie damals.
Egal, was passiert:
Ich bin glücklich.
Und ich bin dankbar.
Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird.
Aber ich weiß, dass ich die Dinge machen möchte, die mich glücklich machen.
Alles andere möchte ich nicht erzwingen.
Nachdem ich wieder in der Wohnung war.. ein Zuhause ist es nicht mehr. Bin ich zu jedem Menschen hin geganen der offen und bereit für ein Gespräch mit mir war. Ich habe mich entschuldigt für die Dinge die mir auf dem Herzen lagen. Ich war ehrlich und war auch offen dafür, dass diese Menschen sagen, dass sie mich nicht mehr wieder sehen wollen. Manchmal war es übertriebener und ich habe mir zu sehr die schuld gegeben. Manchmal war es genau richtig. Aber das war mir egal.. mir lag es auf dem Herzen und es musste raus. Es musste gesagt werden. Weil es für mich wichtig war. Und dann, konnte ich zeigen, dass ich es ernst meine und wieder alles so tun wie ich es immer getan habe. Mit meinem kompletten Herz.
Ein Abschluss kann aber auch wirklich leicht sein. Heutzutage ist es eine Nachricht wo steht: "Hey, es tut mir leid.. aber ich möchte dich nicht wieder sehen." und dann muss man das akzeptieren. Aber man hat klarheit. Man rennt nicht zwischen zwei stühlen hin und her.
Aber ich bin jetzt bereit:
Um irgendwann wieder sagen zu können:
„Ich brauche dich nicht, um ein schönes Leben zu haben.
Aber es mit dir zu teilen, macht es nur noch schöner.“
Und dabei muss ich bei mir selbst anfangen
Um es wieder zu jemand anderem sagen zu können. Und dass es dann wirklich bleibt.
DANKE